MediFICTION
Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!
Folge 6
Schon bald hörte auch die Klinikpsychologin von dem wundersamen Bademantel. Sie war fasziniert von der befreienden Wirkung, den dieses Alltagstextil auf die Gemüter von Patienten und Belegschaft gleichermaßen ausübte. Denn selbstverständlich war er in ihren Augen genau das: Ein Alltagstextil. Wie viele andere Angehörige ihres Berufstandes sah auch sie die eigentliche Kraft nicht in den Dingen, sondern in der Psyche. Erwies sich etwas – gleich ob Reliquie vom heiligen Kreuz, anmutige Landschaft oder profaner Frotteemantel – als prägend, war es natürlich die Seele, die bestimmte Aspekte ihrer selbst in diese Dinge hineinprojizierte. Das Ding war immer nur Medium, Mittel zum Zweck der Selbsterkenntnis. Die Seele bediente sich solcher Kunstgriffe, um gewisse Aspekte ihres eigenen Seins hervorzuheben und verstehbar zu machen. Im Grunde aber kam es auf solche Feinheiten gar nicht an – entscheidend war, dass es den Leuten gut tat. In therapeutischen Gesprächen bediente die Klinikpsychologin sich deshalb gezielt des blauen Bademantels. Da ich mich seinerzeit selbst mit der Absicht trug, Psychologie zu studieren, verfolgte ich ihr Tun mit einem gewissen Interesse.
Fast alle Patientinnen und Patienten des Krankenhauses – denn zu therapeutischen Zwecken durfte der blaue Bademantel unsere Station gelegentlich verlassen (wobei das rosafarbene Nachthemd bei uns zurückblieb und ungeduldig seiner Rückkehr zu harren schien) – sprachen gut auf dieses Medium an. Dabei zeigte sich, dass es insbesondere die blaue Farbe war, die die Menschen zu einsichtsvollen Wanderungen in ihrem Seelenleben inspirierte. Der eine sah die Weiten des Ozeans vor sich und erinnerte sich an längst verdrängte Ereignisse aus seiner als Matrose auf See verbrachten Jugendzeit, eine andere dachte an einem unter dem ins Unendliche sich wölbenden Himmel Ostfrieslands erlebte leidenschaftliche Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang. Eine an Krebs erkrankte Frau sah sich in die wogenden Lavendelfelder Südfrankreichs versetzt und spürte, dass sie dort – unter mediterraner Sonne – wieder gesunden würde. Der Farbeindruck von Lavendelfeldern verdankte sich übrigens der Tatsache, dass der blaue Bandemantel seit seinem Laboraufenthalt an einigen Stellen durch Versuchsflüssigkeiten ein wenig ausgeblichen wirkte und dort in der Tat einen leichten Stich ins Violette bekommen hatte. Wieder andere erinnerten sich an ihre Kindheit.
Oberschwester Gertrud hatte unterdessen einen Plan gefasst, wie sie den blauen Bademantel loswerden konnte. Wenn hier schon alle den Verstand verloren hatten und die neuen Verhältnisse ihre eigene Autorität endgültig zu untergraben drohten, dann musste Abhilfe eben von außen kommen. Sie erinnerte sich, dass der missratene Sohn ihrer jüngeren Schwester es zum zweifelhaften Ruf eines Skandaljournalisten gebracht hatte. Mitunter, so sinnierte sie, muss das Gute sich des Bösen bedienen um über das Chaos zu obsiegen. Mit diesen tröstlichen Gedanken griff sie zum Telefon und begann mit energischen kurzen Hackbewegungen ihres rechten Zeigefingers die Nummer ihres Neffen aus ihrem tiefschwarzen Adressbüchlein auf die Telefontastatur zu übertragen.
Weiter geht es am 16.05.2008!

