Eine Person in einen Bademantel gehüllt auf einem Liegestuhl, im Vordergrund eine Reihe leerer Liegestühle

MediFICTION

Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!

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Folge 7

Logo MedifictionEs dauerte keine drei Stunden, bis der von Oberschwester Gertrud alarmierte Neffe und Skandaljournalist mit einem schwarzen Porsche vorfuhr und sich sogleich beim Verwaltungsdirektor melden ließ. Er stellte sich dort natürlich nicht als Skandaljournalist vor, sondern gab an, an einer Serie über die besten Krankenhäuser im Land zu arbeiten. Der ausgezeichnete Ruf dieses Hauses sei ihm zu Ohren gekommen. Die Klinikleitung ließ sich leicht und gern überzeugen. So kam es, dass der Skandaljournalist bald auch auf unserer Station erschien, eifrig fotografierte und mit einem kleinen Diktiergerät alles aufnahm, was Oberschwester Gertrud ihm zu sagen hatte. Ich beobachtete das Geschehen durch die leicht geöffnete Tür des Wirtschaftsraums, in den ich mich soeben mit Julia für eine kurze amouröse Pause zurückziehen wollte. Doch der Eindruck heraufziehenden Unheils war so stark, dass mir jede Lust auf den Austausch von Intimitäten verging.

Bereits am nächsten Tag stand das Marienkrankenhaus zu K. in den Schlagzeilen einer großen Boulevardzeitung: "Hokuspokus statt Hochleistungsmedizin: So gehen Ärzte mit uns um!", "Blauer Wunderbademantel statt teurer Pillen" und "Couragierte Mitarbeiterin deckt Skandal auf!" waren die Headlines der über zwei Seiten gehenden Veröffentlichung. Der Name der "couragierten Mitarbeiterin" war der Redaktion bekannt, wurde aber zu ihrem Schutz nicht veröffentlicht. Binnen weniger Stunden brach eine wahre Flut von Anfragen weiterer Medienleute über die zu Tode erschrockene Klinikleitung herein, der nichts Besseres einfiel, als jede Stellungnahme abzulehnen. Das aber ließ die Wogen der Spekulation erst recht hochgehen. Der Boulevard im Internet legte noch am gleichen Tag nach: "Schweigen verordnet: Was verheimlicht die Klinikleitung noch alles?", "Patienten, die ihr blaues Wunder erlebten", "Ministerium kündigt rückhaltlose Aufklärung des Skandals an", "Ärzte zu teuer – Klinik setzt auf obskuren Mantel" und "Patientenverbände sind empört: Welche Sparmaßnahmen müssen wir uns noch gefallen lassen?"

Die großen Fernsehsender änderten ihr Abendprogramm und brachten Sondersendungen zum Thema – und das, obwohl sich die Klinikleitung nach wie vor weigerte, Stellung zu beziehen. Dafür waren andere umso auskunftsfreudiger: Eine Labormitarbeiterin verkündete mit wichtiger Stimme, dass "ihr Labor" vor einiger Zeit den Geheimauftrag erhalten habe, einen abgetragenen blauen Bademantel zu analysieren, in dessen Taschen Drogenreste entdeckt worden waren. Der Ehemann einer Frau, die vor zwei Wochen auf unserer Station entbunden hatte, berichtete von geheimnisvollen Psychospielen, religiöser Verehrung des Bademantels und hysterischen Ausbrüchen. Er habe sich danach von seiner völlig durchgedrehten Frau getrennt, weil er um sein Leben fürchtete. Auch Experten kamen in diesen Sendungen zu Wort, die teils auf skandalöse Zustände im deutschen Gesundheitssystem schimpften, teils über eine Vergiftungserscheinung spekulierten, möglicherweise ausgelöst durch bakteriell verunreinigtes Trinkwasser. Zum Schluss der Sendung wurde schließlich ein seriös wirkender australischer Psychiater eingeblendet, der den Standpunkt vertrat, dass es den blauen Bademantel gar nicht gäbe. Es handele sich um eine Massenpsychose ähnlich dem Hexenwahn im Mittelalter. Julia und ich hatten die Sendung gemeinsam gesehen. Zwischen uns lagen der blaue Bademantel und sein Nachthemd. Wir lächelten uns an.

Weiter geht es am 23.05.2008!

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