MediFICTION
Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!
Folge 9
"Es tut mir wirklich sehr Leid", wiederholte ich, da sowohl der Verwaltungsdirektor als auch Draco mich mit leeren Augen anstarrten – "aber der blaue Bademantel ist nicht mehr hier. Er ist verschwunden. Wenn es sehr eilt, sollten Sie sich vielleicht besser einen neuen besorgen."
"Einen neuen besorgen? Wie stellen Sie sich das vor? Der Bademantel ist unersetzlich – absolut unersetzlich!" In übertriebener Verzweiflung rang er die Hände. "Meine ganze Tournee geht kaputt, wenn ich den Mantel nicht rechtzeitig bekomme! Ich werde Sie verklagen!" Diese letzten Worte waren an den Verwaltungsdirektor gerichtet, der bleich wurde. Auch Dracos Gesichtsfarbe sah alles andere als gesund aus, während er nun wieder mich fixierte und sein Riesenschnurrbart sich zu sträuben begann wie die Nackenhaare eines angriffslustigen Pumas. "Herr Draco, ich bin sicher, alles wird sich klären", versuchte der Verwaltungsdirektor das heraufziehende Unheil zu verhindern.
Nachdem der Magier sich beruhigt hatte, begann ich zu erzählen, was wir alles mit dem blauen Bademantel erlebt hatten. Ich hielt es allerdings für ratsam, zu verschweigen, dass sich das Corpus Delicti zuletzt in meinem Besitz befunden hatte.
Während ich erzählte, behielt ich Draco im Blick. Dessen Unruhe schien sich wieder zu steigern, je mehr Details er erfuhr. "Ich muss ihn unbedingt wiederhaben, hören Sie? Heute noch!" Ich lächelte ihm aufmunternd zu und verdrückte mich, so rasch ich konnte. Als ich kurze Zeit später aus einem der großen Fenster auf dem Gang schaute, sah ich, wie der Magier quer über den Parkplatz zu einem schwarzen Porsche eilte, der ganz am Rand geparkt hatte. Sieh mal an, dachte ich, den Skandaljournalisten und den mysteriösen Zaubermeister scheint ein starkes Interesse an der Sache zu einen. Als ich mich wieder abwandte, bemerkte ich, dass Oberschwester Gertrud drei Fenster weiter den Gang runter ebenfalls Position bezogen hatte und dem schwarzen Porsche hinterher sah, als der den Parkplatz verließ. Ich ging an ihr vorüber und grüßte freundlich, doch sie tat so, als bemerkte sie mich nicht.
Durch Zufall sahen Julia und ich auf dem Nachhauseweg vom Busfenster aus den schwarzen Porsche am Straßenrand stehen. Geistesgegenwärtig drückte ich den Haltknopf, sodass wir nur 50 Meter weiter aussteigen konnten. Doch wo sollten wir nach Draco und dem Journalisten suchen? Wenn die beiden nicht gerade in einem der Wohnhäuser verschwunden waren, konnten sie eigentlich nur in der Pizzeria auf der gegenüberliegenden Straßenseite sein. Wir betraten die Gaststätte und hielten uns halb hinter dem großen Garderobenständer verborgen. "Da sind sie", flüsterte Julia und deutete mit einem Linksschwenk ihrer Nasenspitze in den hinteren Teil des Gastraums. "Aber der große Magier hat seinen Walrossbart nicht mehr!" Draco und der Journalist waren so ins Gespräch vertieft, dass sie uns nicht bemerkten, als wir uns im Kielwasser des gerade mit mehreren dampfenden Tellern vorbeieilenden Kellners direkt an den durch eine halbhohe Holzwand von ihrem Tisch abgetrennten Platz manövrierten und uns auf die enge Sitzbank quetschten.
Weiter geht es am 06.06.2008!

