Eine Person in einen Bademantel gehüllt auf einem Liegestuhl, im Vordergrund eine Reihe leerer Liegestühle

MediFICTION

Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!

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Folge 11

Logo MedifictionJulia und ich verbrachten die Mittagspause im Park. "Langsam fange ich an, an Wunder zu glauben. Das ist doch nicht normal, so was." Sie dachte nach, eh sie antwortete: "Aber was ist schon normal? Ist das Leben nicht irgendwie wunderbar im Ganzen? Wir haben uns nur an die meisten Sachen gewöhnt und halten sie deshalb für normal. Und immer wenn etwas passiert, was wir noch nicht erlebt haben, ist es automatisch unnormal. Aber was unnormal ist, darf es, wenn es nach den Lehrern, Vorgesetzten, Experten und sonstigen Autoritäten geht, eben nicht geben." Da mochte sie Recht haben. Aber so ganz zufrieden war ich nicht mit ihrer Antwort. "Du denkst also, dass es alles, was wir erleben, auch wirklich gibt? Auch das, was jemand sich vielleicht nur einbildet, existiert?"

"Ja, von außen betrachtet vielleicht nur für die Person, die es sich einbildet. Aber warum sollten die anderen, die es nur von außen betrachten, richtig liegen? Alle Möglichkeiten, die unser Geist hat, sich Dinge vorzustellen und überhaupt Neues zu entdecken und zu erfinden – das ist doch nur möglich, wenn es all das irgendwie schon gibt, oder? Denn woher sollten diese Einbildungen sonst kommen? Der Abdruck eines versteinerten Seeigels beispielsweise wäre doch auch nicht möglich, ohne dass es diesen Seeigel irgendwann einmal gegeben hätte. Er hat eine Art Einbildung hinterlassen, die länger andauert als er selbst. Wir sehen ihn nur nicht mehr, nehmen aber noch diesen Abdruck wahr. Und genauso hinterlässt die vielschichtige Wirklichkeit Abdrücke in unserem Geist."

Ich staunte. So hatte ich das noch nicht gesehen. Wenn ich ehrlich war, hatte ich bislang sogar noch nicht einmal darüber nachgedacht, dass die Grenzen unserer Wahrnehmung mitunter etwas willkürlich gezogen werden. Noch mehr aber erstaunte mich, dass Julia sich mit solchen Ideen beschäftigte. Diese Seite an ihr hatte ich bislang noch gar nicht wahrgenommen. "Ach, vergiss es", sagte sie plötzlich. "Ich weiß selbst nicht, was ich damit eigentlich meine. Aber ich denke, dass wir unseren blauen Bademantel ernst nehmen sollten."

Der Patientin auf Zimmer 219 ging es nach zwei Tagen deutlich besser – und zwar ohne dass man sie bis dahin behandelt hatte. So was kam vor, gerade bei unklaren Beschwerdebildern. Manchmal kamen sie über Nacht und gingen auch ebenso schnell wieder. Ich aber führte das – ohne es erklären zu können – auf den blauen Bademantel zurück. Julia und ich dachten uns, dass die Zeit gekommen war, ein wenig zu experimentieren. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass dieses Experimentieren nur ein Experiment innerhalb eines anderen Experiments war.

Das Experiment, wie wir es nannten, war denkbar einfach organisiert: Wir brachten den blauen Bademantel nach und nach in verschiedenen Patientenzimmern unter und konnten zwei Dinge beobachten: Zum einen schien die Zusammensetzung der organischen Substanz in den Taschen von Patientin zu Patientin variieren. Zum anderen schien sich das Befinden der Patientinnen wirklich zu verbessern. Das waren natürlich keine objektiven Befunde, doch war deutlich zu merken, dass die Gegenwart des blauen Bademantels eine positive Wirkung auf das subjektive Befinden hatte. Dieser Effekt trat sogar dann zutage, wenn wir den blauen Bademantel für die Patientin unsichtbar in deren Kleiderschrank hängten. Natürlich waren Julia und ich keine Wissenschaftler, unsere kleinen Untersuchungsergebnisse hatten deshalb auch keine Bedeutung. Doch begannen wir langsam eine Theorie zu entwickeln: Die Substanz in den Bademanteltaschen konnte sich wie aus dem Nichts bilden, konnte ganz verschwinden und schien sich dem Gesundheitszustand der verschiedenen Menschen anzupassen, um über Ausdünstungen dann ein passendes Heilmittel zu entwickeln. Aber konnte es eine absurdere Theorie geben? Von Nichts kommt Nichts, sagt eine bekannte Redensart. Aber wenn etwas ist, muss es doch auch ein Etwas geben, aus dem dieses Etwas kommt.

Weiter geht es am 20.06.2008!

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