MediFICTION
Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!
Folge 12
Vielleicht war es doch notwendig, der Sache mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln moderner Wissenschaft auf den Grund zu gehen. Mir kam mein Patenonkel Heinrich in den Sinn, der als Ethnobotaniker jahrzehntelang in der ganzen Welt unterwegs gewesen war, um dem Heilwissen der Naturvölker auf die Spur zu kommen. Er hatte sibirischen und mongolischen Schamanen zugeschaut, hatte die Urwälder Amazoniens auf der Suche nach unbekannter Urwaldmedizin durchstreift, hatte in der kanadischen Prärie mit Medizinmännern kuriose Tabakmischungen geraucht und einige Jahre bei den australischen Aborigines verbracht, um herauszufinden, welcher Mittel diese sich ursprünglich bedient hatten, um Kranke wieder gesund zu machen. Vielleicht würde er uns weiterhelfen können. Ein Telefonat mit meiner Tante ergab immerhin, dass mein Onkel zu Hause war. Ich ließ mir zwei Urlaubstage bewilligen, packte den blauen Bademantel ein und nahm den nächsten Zug.
Mein Onkel hörte sich die Geschichte an, bevor er den blauen Bademantel auseinanderfaltete, ein paar der getrockneten Pflanzenkrümel aus der Tasche nahm, sie zwischen Daumen und Zeigefinger zerbröselte und den Geruch kommentierte. "Seltsame Mixtur. Man möchte meinen, in eine mittelalterliche Alchimistenküche geraten zu sein. Oder eher noch in den Verschlag einer Kräuterhexe. Euer Labor meint, keine Hinweise auf bekannte Pflanzenarten gefunden zu haben? Schauen wir mal. Diese Rindenbrösel hier, erinnern mich an Ar-de-yé, den Talgmuskatnussbaum. Und hier? Ich tippe auf ein paar Fragmente des Wurzelstocks des Weißen Germer, auch als Nieswurz bekannt. Man machte so eine Art Niespulver daraus. Durch das künstlich erzeugte Niesen sollten Krankheitsdämonen den Körper verlassen. Und hier - - - das dürften Beifuss, Kalmus, wilder Thymian und Salbei sein – alles mehr oder weniger zerbröselt, aber doch alte Bekannte. Haben sich wahrscheinlich durch die wilde Mischung irritieren lassen, deine Labormenschen. Wobei ich sagen muss, dass wir hier zwei, drei Dinge haben, die ich auch nicht einordnen kann. Diese braunen Kügelchen, die an Kaninchenexkremente erinnern. Und dann diese winzig kleinen, scharfen weißen Teile. Fast würde ich auf Knochensplitter tippen. Und diesen kleinen Pilz hier mit dem eigenartigen Duft nach vergammelter Pizza hab ich zuvor noch nirgendwo gesehen. Und du meinst, dass Leute gesund geworden sind, wenn sie dieses Aroma inhaliert haben?" "Mehr noch. Es schien, als ob die Mixtur sich dem Gesundheitszustand der Patientinnen anzupassen vermochte."
"Seltsam, seltsam. Ein äußerst sensitiver Medizinbeutel in modernem, fast schon trivialem Alltagsgewand. Denn dass es sich bei allen ungewöhnlichen Eigenschaften letztlich doch um einen ganz gewöhnlichen blauen Bademantel handelt, das scheint mir festzustehen. Aber ich werde mal versuchen, Viktor, einen Kollegen aus Novosibirsk, zu erreichen. Der hat mir vor ein paar Jahren mal eine Geschichte erzählt, die mich irgendwie an das hier erinnert. Grundsätzlich aber", fuhr Onkel Heinrich fort, "ist so ein Heilmixturen produzierender blauer Bademantel auch nicht viel seltsamer als ein dicker, weißbärtiger Mann, der einmal im Jahr auf einem Rentierschlitten durch die Lüfte fliegt und aus einem nie leer werdenden Jutesack in einer einzigen Nacht für alle Kindern dieser Welt Geschenke hervorzaubert. Ist zum einen alles eine Frage der Perspektive und des Glaubens, zum anderen aber eine Sache der Gewöhnung." Onkel Heinrichs Worte erinnerten mich stark an das, was Julia mir unlängst gesagt hatte.
Weiter geht es am 27.06.2008!

