MediFICTION
Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!
Folge 18
Am nächsten Morgen stand die Polizei vor der Tür. Der Anwalt des angeblichen Besitzers hatte bei Gericht die Herausgabe beantragt und eine entsprechende Anordnung erwirkt. Nun war es also soweit. Vielleicht hätte ein etwas energischerer Verwaltungsdirektor seinerseits mit juristischen Mitteln vorgehen können, doch dieser hier eindeutig nicht. Mit hängenden Schultern stand er da und sah zu, wie die beiden Beamten und der Anwalt das Haus wieder verließen.
Der Anwalt war denn auch ohne weitere Widerstände ins Büro des Verwaltungsdirektors spaziert, hatte ein abgestempeltes Stück Papier vorgezeigt, sich den Bademantel aushändigen lassen und war ebenso schnell wieder verschwunden wie er gekommen war. Julia und ich sahen uns an – sollte die Geschichte einen derart unrühmlichen Ausgang nehmen? Selbst Oberschwester Gertrud schien sich nicht zu freuen, dass die Chaos-Episode nun ihrem Ende entgegen ging. Die Stimmung unter den Kollegen und Patientinnen wirkte gedrückt. Es war, als ob ein guter alter Bekannter für immer davon gegangen wäre.
Am Abend erschien einer der beiden Herren der Pharma-Industrie im Fernsehen. Es ging ihm darum, zu zeigen, dass alles seine Ordnung hatte. Für Transparenz sorgen, nannte er das. Man habe sich mit dem Eigentümer des blauen Bademantels auf einen Ankauf geeinigt und werde das Objekt nun einer gründlichen Laboruntersuchung unterziehen. Da der blaue Bademantel ja schon so etwas wie ein Allgemeingut geworden sei, wolle sein Unternehmen die Öffentlichkeit auf dem Laufenden halten. Es folgte eine kurze Filmsequenz, die den blauen Bademantel bei seiner Ankunft im Labor zeigte. Man nahm ihn so behutsam und respektvoll in Empfang, als er wäre er die Krone der Königin von England. Lauter vermummte weiße Gestalten liefern dort herum, die Atmosphäre im Labor wirkte selbst in der TV-Übertragung noch so steril, keimfrei und lebensfeindlich, dass alle Zimmerpflanzen neben Julias Fernseher die Blätter hängen ließen und sämtliche Mikroben Reißaus nahmen. Auch das rosafarbene Nachthemd, das seine Liebesepisode mit dem blauen Bademantel vergessen zu haben schien, wirkte so, als würde ihm frösteln.
"Wir werden ihn befreien", sagte Julia plötzlich. Ihre Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte. "Du meinst", fragte ich ungläubig, "du willst da einbrechen? In ein streng bewachtes Labor?" "Nicht ich", verbesserte Julia mich. "Wir. Wir werden da einbrechen. Und zwar noch heute Nacht. Wir müssen verhindern, dass sie ihn zerstören." Da ich merkte, dass es ihr sehr ernst war, hatte ich nur zwei Möglichkeiten: Nicht mitkommen und als Feigling dastehen. Oder mitkommen und als Idiot dastehen, wenn man uns – was ganz sicher passieren würde – erwischen würde. Ich entschied mich dafür, ein Idiot zu sein.
Weiter geht es am 08.08.2008!

