MediFICTION
Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!
Folge 19
Kurz nach Mitternacht zogen Julia und ich los – von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. Zum Glück lag das pharmazeutische Unternehmen fast um die Ecke und war nicht in einer anderen Stadt angesiedelt. Das hätte die Sache doch ziemlich kompliziert gemacht. Wir schwangen uns auf unsere Mountainbikes und hatten das Firmengelände nach wenigen Minuten erreicht. Ein über zwei Meter hoher Zaun umgab das ganze Areal, das außerdem in grelles Flutlicht getaucht war. Menschen oder Hunde waren jedoch nicht zu sehen, doch fiel mir sofort eine Überwachungskamera auf, die den Vorplatz zum Eingang fest im Blick ihrer Linse hatte. Wahrscheinlich gab es mehrere Kameras. Und genauso wahrscheinlich saß irgendwo ein Wachmann oder Nachtpförtner und beobachtete aus übermüdeten Augen das Geschehen rund um das Firmengebäude auf ebenso vielen Monitoren wie es Kameras gab.
"Sollen wir mal klingeln?", fragte ich. Doch das Ausbleiben einer Antwort überzeugte mich rasch davon, dass Julia andere Pläne hatte. Ich sah mich um und entdeckte sie, wie sie durch hohes Gras, Stauden und Sträucher zu einer dunklen Stelle des Zauns robbte und dort zu wühlen begann wie ein Dackel vor einem Kaninchenbau. Ich robbte hinterher und war bald neben ihr. "Geht gar nicht tief runter, dieser Zaun, nur etwa zwanzig Zentimeter." Sie buddelte mit bloßen Händen weiter. Ich machte es ihr nach und schon bald hatten wir eine schöne Mulde freigelegt, durch die wir auf die andere Seite des Zauns gelangen konnten. Wir schoben uns unter dem Draht hindurch und standen nun auf dem Firmengelände. Wenige Meter vor uns erhob sich die dunkle, meterhohe Backsteinwand eines Gebäudes. Das konnte nichts Wichtiges sein, denn hier schienen weder Kameralinsen noch Flutstrahler installiert zu sein. Wir huschten durchs Dunkel und standen nach Sekunden mit unseren Rücken an die Mauer gepresst. Wir wagten kaum zu atmen, so aufgeregt waren wir – schließlich machten wir so etwas nicht jede Nacht. "Und jetzt?", fragte sie. "Nach links", sagte ich. "Gut, dann gehen wir nach rechts", entschied sie und war schon hinter der nächsten Ecke zu ihrer Rechten verschwunden.
Langsam, doch stetig arbeiteten wir uns vor und waren nach zwei Minuten im Bereich der Strahler und Kameras angelangt. Dabei kam uns zugute, dass nur der umgebende Asphalt, nicht aber die Wände selbst angestrahlt wurden, an denen wir uns nun langsam vorarbeiteten. Inzwischen waren wir tief in das Gelände eingedrungen und hatten bereits mehrere isoliert stehende Gebäude hinter uns lassen, als wir plötzlich vor einem zweistöckigen, fast fensterlosen Neubau standen, hinter dessen Oberlichtern fahles, grünliches Licht zu sehen war. Ein rotes Schild in Augenhöhe gab bekannt, dass es sich bei diesem Neubau um das Forschungslabor handelte, der Zutritt nur befugten Personen gestattet und jedes widerrechtliche Betreten strengstens geahndet würde. "Okay, das also ist Fort Knox. Und wir kehren vielleicht doch lieber um, oder? Um hier hinein zu kommen, brauchen wir Einbruchswerkzeuge der Spitzenklasse", raunte ich. Und vor allem weitaus stärkere Nerven. In meinem Bauch rumorte es nämlich gewaltig. Was würde passieren, wenn man uns hier entdeckte? Würde man uns gleich erschießen? Das Recht dazu hatten die Wachtleute bestimmt. "Wir brauchen kein Einbruchswerkzeug – irgendjemand war so nett, eine Tür offen zu lassen." Julia hatte probehalber nacheinander die Klinken von vier schweren, schwarz lackierten Eisentüren heruntergedrückt, die nebeneinander in die Gebäudewand eingelassen waren. Die vierte Tür ließ sich öffnen. Ich dachte noch mit Mitleid an die Konsequenzen, die diese Schlamperei für einen der Firmenmitarbeiter haben würde, als Julia schon im Gebäudeinneren verschwunden war.
Weiter geht es am 15.08.2008!

