MediFICTION
Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!
Folge 21
Ich bückte mich und nahm einige der Fasern auf – unverkennbar der herbwürzige Geruch des blauen Bademantels. Wir untersuchten den Raum weiter und fanden immer mehr Stofffetzen. Ganz offensichtlich hatte man den blauen Bademantel sofort nach seiner Ankunft im Labor kurz und klein gerissen, anstatt ihn zu untersuchen. Oder musste man ihn vielleicht doch erst zerkleinern, um an handliche Proben zu gelangen? Als wir schließlich auf einen kleinen Müllcontainer stießen, der randvoll mit blauen Stofffasern war, wurde uns klar, dass der blaue Bademantel wohl nicht mehr existierte. Hatte man so viele Experimente angestellt, dass man derart viele Fasern brauchte – und alle Experimente innerhalb eines einzigen Tages durchgeführt? Mir kam ein Verdacht: "Die wollten den blauen Bademantel gar nicht untersuchen. Die wollten ihn einfach nur haben, um ihn zu vernichten!" "Aber warum? Das ergibt doch keinen Sinn? Die geben erst wahnsinnig viel Geld aus, um ihn dann zu schreddern?" "Vielleicht hatten sie Angst davor, dass das Prinzip des blauen Bademantels sich durchsetzen und alle Pharmaunternehmen auf einen Schlag arbeitslos machen würde?" Wir konnten uns diese Fragen nicht beantworten.
Neben meinem Kopf raschelte es – als ich mich umdrehte, blickte ich in das neugierige Gesicht einer Laborratte, der offensichtlich die Flucht aus einem Experiment geglückt war und die nun hier im Lagerraum hauste. Irgendwas war an dieser Ratte seltsam – dann sah ich es: Ihre Augen leuchteten lavendelblau, ozeanblau, himmelblau! Zwischen ihren Pfoten hielt sie einen weiteren Stofffetzen des blauen Bademantels und benagte ihn mit ihren Zähnen. Je intensiver sie das tat, desto mehr schien das blaue Leuchten in ihren Augen zuzunehmen. "Unglaublich – die Ratte nimmt Eigenschaften des Bademantels an!" "In der Tat", sagte Julia, nahm die sehr zutrauliche Ratte in die Hand und schnupperte an ihr: "Sie riecht auch schon so!"
Wenn wir schon keinen Bademantel mehr hatten, dann hatten wir nun wenigstens eine Ratte, die so roch wie er. Ich stopfte mir so viele Fasern vom zerstörten blauen Bademantel in die Taschen, wie nur möglich – für den Fall, dass die Ratte beim Fressen wählerisch war. Dann verließen wir zu dritt – Julia mit der Ratte in der Armbeuge und ich – durch die nach wie vor unverschlossene vierte Eisentür das Gebäude und eilten den gleichen Weg, auf dem wir gekommen waren, auf den untergrabenen Zaun zu. Niemand hielt uns auf und bald saßen wir auf unseren Mountainbikes, um heimwärts zu radeln. Unterwegs beschlossen wir spontan, der Ratte einen Namen zu geben. "Sie soll Emil heißen", sagte Julia.
Zu Hause wartete schon eine Nachricht auf uns. Ein Anrufer, der eine Nachricht hinterlassen hatte, stellte sich als Viktor vor. Er sprach ein zwar nicht akzentfreies, doch sehr gutes Deutsch und wünschte uns zu sehen. Er hatte eine Handynummer hinterlassen und bat um Rückruf – möglichst sofort. Das war der russische Wissenschaftler, den mein Onkel Heinrich über den blauen Bademantel informiert hatte. Armer Kerl – nun hatte er den weiten Weg umsonst gemacht und würde genauso wenig über den blauen Bademantel in Erfahrung bringen können wie wir selbst. Dennoch rief ich ihn umgehend zurück. Zwar war es vier Uhr in der Frühe, doch er hatte es ja selbst verlangt: "Bitte sofort, wenn möglich!"
Weiter geht es am 29.08.2008!

