MediFICTION
Freuen auch Sie sich auf die kuriose Geschichte vom blauen Bademantel!
Folge 22
Viktor war schon dem Äußeren nach ein äußerst merkwürdiger Kauz. Seine untersetzte Gestalt steckte in einem abgetragenen Anzug; ein in einem grünen Pullover steckendes dickes Bäuchlein lugte vorwitzig aus dem Sakko hervor, vom wallenden grauen Bart halb verdeckt. Gekrönt wurde diese Erscheinung von einer blank polierten Glatze. Im Gesicht saß auf seiner knolligen Nase eine Brille mit sechseckigen, grün getönten Gläsern. Diese Brille schien er nie abzunehmen. Viktor stellte sich als Leiter eines Instituts vor, das sich mit paranormalen Ereignissen und ebenso ungewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten befasste – irgendwas also zwischen Schamanismus, Psychiatrie und kosmischer Grundlagenforschung.
Meinen Onkel Heinrich hatte er auf einer von dessen Pflanzenexkursionen durch Sibirien und das innere Asien kennen gelernt und danach einige Male zu den seltsamsten Gelegenheiten und an den unglaublichsten Orten erneut getroffen. An Bord einer in Seenot geratenen malaysischen Fähre, mitten in der Salzwüste von Utah und auf einem Kongress japanischer Neoschamanen. "Es war diese höhere Form von Notwendigkeit, die fantasielose Leute für Zufall halten", erklärte er mir mit einem belustigten Zwinkern seiner Augen. Nachdem mein Onkel ihm von dem blauen Bademantel berichtet hatte, habe er sich jedenfalls sofort entschlossen, nach K. zu reisen, um die Angelegenheit zu klären. Denn es gäbe da noch eine andere, viel ältere Geschichte.
"Da kommst du leider zu spät, Viktor", sagte ich. "Der blaue Bademantel wurde zerstört. Diese Fasern hier sind das einzige, was von ihm geblieben ist." Ich hielt ihm einige der Fasern unter die Nase – sie strömten noch immer dieses charakteristisch herbwürzige Aroma aus. Viktor schnupperte und inhalierte den Geruch. "Und diese Ratte nicht zu vergessen", sagte Julia und zog Emil aus ihrer Jackentasche. Emil schnupperte ebenfalls, schaute aus seinen strahlend blauen Augen neugierig in die Welt und sprang dann Viktor auf dem Bauch, um es sich unter seinem langen Bart bequem zu machen. Viktor lachte vergnügt und ließ seinen linken Zeigefinger ebenfalls unter seinem Bart verschwinden, um Emil zu kraulen. "Nun erzählt mir mal die ganze Geschichte." Julia und ich wechselten uns ab, je nachdem, wer von uns beiden dichter an den jeweiligen Ereignissen dran gewesen war.
Als wir fertig waren, schaute Viktor nachdenklich ins Nichts. Nach einer Weile sagte er dann: "Es ist schwer zu entscheiden, was da wirklich geschehen ist. Es kann durchaus sein, dass sich verschiedene Leute zur gleichen Zeit sehr ähnliche Dinge eingebildet haben. Solche Phänomene gibt es – als ich noch als Psychiater arbeitete, hatte ich nicht wenige solcher Menschen in Behandlung, die irgendwelche Dinge sahen. Einmal war ein ganzes sibirisches Dorf davon überzeugt, der Landung außerirdischer Wesen beigewohnt zu haben. Menschen erzeugen auf diese Weise eine Art geistiger Aura, in der alles, was in der Einbildung geschieht, gleichsam Realität wird. Vielleicht ist ja das, was wir für Realität halten, nichts anderes als eine Art von Einbildung, auf die wir uns für eine Weile geeinigt haben. Dann wäre es völlig gleichgültig, ob etwas real existiert oder nicht. Man sollte die Macht des Geistes jedenfalls nicht unterschätzen. Aber nun werde ich euch eine Geschichte erzählen. Diese Geschichte ist alt, sehr alt. Ich habe sie zuerst von einer alten Frau gehört, die ich auf einer mehrtägigen Wanderung durch das Altai-Gebirge in einem kaum noch bewohnten Dorf angetroffen hatte. Später ist mir die Geschichte dann noch in ähnlicher Form wieder begegnet. Aber das mag außen vor bleiben. Ich erzähle die Geschichte jetzt so, wie ich selber sie von der Alten hörte."
Weiter geht es am 05.09.2008!

