Diagnose: Daseinsverengung

Ein Mann steht auf einem Feldweg mit einem Fernglas in der Hand.Das Leben ist nicht eindimensional – unser Denken manchmal schon

Daseinsverengung – diese Diagnose wird Ihnen kein Arzt stellen. Dennoch gibt es sie. Und zwar bei jedem Menschen in mehr oder weniger ausgeprägter Form. Eine Daseinsverengung kann sich negativ auf Ihre seelische und körperliche Gesundheit auswirken. Sie äußert sich in einer eindimensionalen Betrachtung des menschlichen Lebens etwa mit Blick auf das Funktionieren in Alltag und Beruf – andere Lebensbereiche und existenzielle Möglichkeiten werden dabei ausgeblendet. Diese Ausblendung kann sich auf vielfältige Weise rächen und u. a. Depressionen, Unruhe, Schlaflosigkeit, Verspannungen, Unlust, chronische Müdigkeit, Herz-/Kreislauferkrankungen und Kopfschmerzen hervorrufen.

Das Leben ist eine Kette von Ausblendungen

Das menschliche Dasein bietet zunächst eine schier unendliche Fülle an Möglichkeiten, dieses Dasein zu gestalten und zu leben. Diese Fülle der Möglichkeiten wird von klein auf kanalisiert und von Tag zu Tag immer weiter eingeschränkt. Beispielsweise durch den Ort, an dem man geboren wurde und lebt, durch die ererbten Gene, den Bildungsstand der Eltern, die Qualität des Schulsystems. Selbst wenn das gesamte familiäre und soziale Umfeld eine Maximalbandbreite an Möglichkeiten zuzulassen scheint, findet mit jeder Entscheidung immer auch eine Ausblendung von anderen Möglichkeiten statt. Eine besonders markante Entscheidung im Leben junger Menschen ist die Ausbildungs- oder Berufswahl. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, für was man sich entscheidet, sondern darauf, dass man sich für eine konkrete Möglichkeit entscheidet und entscheiden muss – und dabei andere Möglichkeiten zwangsläufig ausschließt. Weitere Lebensentscheidungen schließen sich an und andere Möglichkeiten aus: Partnerschaft, Familie, Karriere. Man kann auch in den Tag hineinleben und ein Leben führen, ohne bewusste Entscheidungen zu treffen – mit solchen Nichtentscheidungen schließt man sogar besonders viele Möglichkeiten seines Lebens aus. Im Normalfall aber sind Entscheidungen zu bestimmten Zeitpunkten einfach notwendig. Es geht also nicht darum, Entscheidungen als etwas Negatives zu begreifen, sie möglichst lange hinauszuzögern oder gar zu vermeiden, um sich viele Möglichkeiten offenzuhalten. Es geht vielmehr darum, Ihre Aufmerksamkeit auf einen Prozess zu lenken, der auch Ihr Leben stark bestimmt und mit fortschreitendem Alter den Strom des Lebens oft zu einem dünnen Rinnsal veröden lässt. Aber niemand muss diesen Prozess als schicksalhaft hinnehmen.