Das Prinzip Zuwendung
Wer gibt, dem wird gegeben
Im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter Zuwendung meist die haushaltsrechtliche Zuwendung geldlicher Mittel. Der ursprüngliche Sinn des Wortes aber ist ein tieferer: Wir wenden uns Menschen oder Dingen mit besonderer Hingabe zu, schenken ihnen Aufmerksamkeit. Diese Zuwendung bleibt nicht einseitig, sondern beschenkt auch den, der Zuwendung gibt. Wenden Sie sich einer Sache zu, werden Sie mit der Freude belohnt, die Dinge besser zu verstehen; bei Zuwendung zu anderen Menschen werden Sie dieses aufmerksame, freundliche Interesse meist auch umgekehrt erfahren und als Bereicherung erleben. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir diesen tieferen Sinn neu entdecken.
Elterliche Zuwendung
Das Prinzip Zuwendung existiert lange vor jeder menschlichen Kultur als biologisches Prinzip. Im Rahmen der Brutfürsorge bei Tieren beispielsweise äussert Zuwendung sich als Spenden von Körperwärme und in der Fütterung; eine Urform der Zuwendung findet auch in der gegenseitigen Körperpflege statt, wie man sie bei Menschenaffen beobachtet. Beim Menschen selbst entfaltet das Prinzip der Zuwendung sich zu einem kulturell und individuell sehr differenzierten Reigen der Hingabe an den Nachwuchs.
Das Gedeihen des Nachwuchses hängt in den westlichen Zivilisationen bis ins Jugendalter entscheidend davon ab, dass diese Zuwendung verlässlich und kontinuierlich stattfindet – wobei es nicht zwangsläufig die biologischen Eltern sein müssen, die diese Leistung erbringen. Fehlt es an der Zuwendung und bleibt der Nachwuchs sich selbst überlassen, kommt es – neben den Gefahren des Verhungerns und Verdurstens im Kleinkindalter – sehr oft zu Fehlentwicklungen in der Entfaltung der Persönlichkeit, die man heute meist unter dem Begriff der Verwahrlosung zusammenfasst und als Ursache vieler sozialer Probleme erkannt hat.
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